Mein Sternenkind, dein Sternenkind, unser Sternenkind

Jedes Mal, wenn mich eine Anfrage, oder auch nur eine Verständnisfrage zum Thema „dein Sternenkind“ erreicht, beginnt sofort mein Herz wie wild zu pochen und ich werde plötzlich ganz leise. Eine gewisse Routine wird sicherlich niemals einkehren. Auch nicht, nach meinem ersten Einsatz. Ja, es ist passiert…

Innerlich war ich froh, dass solang, wie ich nun schon bei der Organisation Mitglied bin, noch niemand meinen Dienst brauchte. Bis zu dem Tag, an dem ich abends ein letztes Mal mein Email-Postfach checkte. Da stand es – schon in der Betreffzeile – „unser Sternenkind“ – das Herz begann sofort rasend schnell zu schlagen – was würde mich jetzt erwarten? Muss ich meine Kamera sofort einpacken und mich auf eine Nachtschicht vorbereiten? Mit zittrigen Fingern öffnete ich die Mail – es war der Beginn einer emotionalen Reise…

Esthers Eltern erfuhren in der zwölften Schwangerschaftswoche, dass etwas mit ihrem Baby nicht stimmte. Und auch eine sofortige Feindiagnostik bestätigte den Verdacht, dass das Baby sehr krank sein würde. Niemand vermochte genau zu bestimmen, ob das Kind überhaupt lebensfähig sein würde, geschweige denn den Geburtstermin erreichen würde. Deshalb entschieden sich die werdenden Eltern, die sich nach zwei Söhnen nun auf ein Mädchen freuen durften, schon sehr früh dazu, sich von einer gelisteten Fotografin von „dein Sternenkind“ begleiten zu lassen – von nun an, gehörte ich also auch zu dem Leben der Kleinen, die den Namen Esther Maria bekommen sollte, dazu. Kurz nach dem Jahreswechsel war unser erster Kennenlern-Termin. Ich besuchte die gesamte Familie in ihrem zuhause – ich wurde sehr herzlich aufgenommen. Und es fühlte sich tatsächlich ein wenig so an, als hätten sie mich als zusätzliches Familienmitglied aufgenommen – als hätten wir ein Band verbunden.

Esthers Geburtstermin war für Mitte April bestimmt worden und im Moment unseres Kennenlernens schien es der Kleinen auch gut zu gehen und wir hofften alle, dass sich die Prognosen vielleicht nicht bewahrheiteten. Dennoch berieten wir vorsorglich alle Möglichkeiten und sprachen durch, wie wir im Fall der Fälle vorgehen könnten und sollten. Auch für mich war diese Art eines Vorgespräches ganz neu und ich wusste nicht so recht, was zu tun sein würde – es war immer ein wenig bauchgefühlgesteuert.

So wünschte ich mir zum Beispiel, immer über die neusten Erkenntnisse der Vorsorge-Untersuchungen informiert zu werden. Das half mir gut durch die Zeit bis zum herannahenden Geburtstermin – stets begleitet von der niemals aufhörenden Hoffnung – es würde doch noch alles gut werden. Mitte Februar habe ich Esthers Familie erneut besucht. Wir wollten noch ein paar schöne Babybauchbilder zaubern – um so viele Erinnerungen wie möglich zu schaffen. Im heimischen Garten verzierte der große Bruder das zarte Babybäuchlein, in dem seine erste Schwester heranwuchs.

Glücklich, diese Bilder im Kasten zu haben, trat ich meinen Heimweg an. Denn bei aller guten Hoffnung, schwebte immer die Angst mit, es könnte von heute auf morgen alles anders sein. Aber Esther kämpfte – und ihre Eltern genossen diese besondere Zeit mit ihr, obwohl die Ärzte ihrer Tochter zunehmend weniger Chancen einräumten. Esther bewegte sich kaum, aber ab und zu konnte ihre Mama sie trotzdem spüren. Das waren dann besondere Momente.

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Am 13. März erhielt ich dann die Nachricht, dass die letzte Untersuchung ergab, dass Esther sehr schwach geworden ist. Die Hinweise, dass sie die Anstrengungen der Geburt nicht überleben würde, verdichteten sich laut der Ärzte. Außerdem standen alle Zeichen bereits auf eine baldige Geburt – es würde also nicht mehr lang dauern. Von diesem Zeitpunkt an standen meine Kameras immer mit geladenen Akkus samt Ausrüstung griffbereit an der Tür. Und auch das kleine rosafarbene Mützchen, welches ich bereits vor ein paar Tagen gestrickt hatte, war einsatzbereit.

Nur drei Tage später kam der Anruf – der Anruf, bei dem ich sogleich wusste, ich müsste jetzt alles stehen und liegen lassen. Es war kurz nach 20 Uhr – ein letzter Kuss zur Gute Nacht für meinen Sohn und los – eine Nachtschicht also. Ich war keine zehn Minuten nach dem Anruf in der Klinik. Freundlich empfangen von der Hebamme, die meinte, es könnte doch noch etwas dauern. Meine brennende Frage war sofort ob Esther noch lebte. Aber sie konnte es mir nicht beantworten, da sich die werdenden Eltern gegen eine Notfallmedizinische Versorgung entschieden haben. In diesen Fällen wird während der Geburt kein CTG gemacht, welches eine Kontrolle der Herztöne erlaubt – also hieß es einfach Warten und Bangen. Die Nervosität stieg mit jeder Minute die verging. Ich lief den Flur auf und ab – ich behielt immer wieder die Uhr im Blick – immer wieder starrte ich auf den Eingang. Bei jedem Klicken der automatischen Tür schreckte ich zusammen. Aber nichts….es dauerte noch eine ganze Weile, bis erneut eine Hebamme zu mir kam und mir ein Zimmer mit Couch zum Schlafen zur Verfügung stellte. Geschlafen habe ich aber NATÜRLICH nicht – nur etwas geruht, was mir ganz gut tat. Um kurz nach 1 Uhr dann wurde ich schließlich geholt. Esther war geboren – Esther war still geboren. Mein Herz zerbrach in diesem Moment und ich konnte die Information gar nicht richtig verarbeiten – denn ich wünschte mir nichts sehnlicher als dieses Kind lebend zu fotografieren – die Angst war groß, nicht vor dem was mich erwarten würde, sondern da waren vielmehr Ängste einfach zu versagen – die einzige Erinnerung nicht schaffen zu können.

„Unsere Esther Maria ist ein besonderes Kind“ waren die Worte des Vaters, bevor er mich in das Zimmer holte. Ich atmete tief durch und trat hinein. Esther lag in Mamas Armen. Ich sah zuerst nur ihr Hinterköpfchen – sie hatte feine dunkle Härchen. Ich umarmte die Mama – wir verloren keine Worte wir waren einfach still. So still wie Esther, die in ein kleines Handtuch gehüllt auf Mamas Brust schlief. Esther war leider kein rosiges kleines Bündel, aber sie war perfekt auf ihre Art – ein Neugeborenes eben, das einfach nicht leben durfte – warum wird einzig Gott wissen. Der Gott, der meine Sternenfamilie durch diese Zeit begleitete, der ihnen Trost schenkte.

Ich blieb insgesamt zwei Stunden in der Nacht bei Esther. Wir hielten jedes Detail von ihr im Bild fest. Ich habe wahre Liebe gesehen – wahre Elternliebe – und irgendwie war ich ein Teil davon. Denn ich durfte diese Familie in ihrem wohl intimsten und zerbrechlichsten Moment begleiten – als eine (fast) Fremde. Und doch waren wir uns überhaupt nicht fremd. Bei meiner Verabschiedung waren beide besorgt, wie es mir damit wohl ergehen würde. Dabei hatten sie doch eigentlich gerade ganz andere Sorgen… Die Tränen, die ich noch in der Nacht vergossen habe, galten Esthers Eltern.

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Ich besuchte Esther am gleichen Tag noch einmal und hielt die gesamte Familie, die das neue Familienmitglied kennenlernen wollten, fest. Und auch zur Trauerfeier begleitete ich Esthers Familie, denn es war mir ein großes Anliegen mich ebenfalls zu verabschieden. An ihrem offenen Grab sagte Esthers Mama etwas zu mir, was mich sprachlos machte. Es gab einfach keine andere mögliche Erwiderung außer fließenden Tränen. Und die Erkenntnis, dass dies nicht einfach nur ein Abschied und der Abschluss eines Auftrages sein würde, sondern eine tiefe Verbundenheit auf ewig…

„Es fühlt sich fast ein bisschen so an, als wäre Esther Maria UNSER Kind gewesen.“

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Ich danke der Familie K. von ganzem Herzen für ihr Vertrauen und ihre Freundschaft!

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Ein Dankeschön für die Unterstützung geht auch an Lillemor & Rosenresli, Mario Orsos Photography und Fotoservice Görner .

 

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